Working Goats Blog

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Diese ganze Periode hat mir erneut bewusst gemacht, wie wichtig es ist, ein einmal gelerntes Verhalten zu generalisieren. D.h., es an unterschiedlichen Orten und in unterschiedlichen Konstellationen immer und immer wieder abzufragen, bis der Lerner verstanden hat, dass ein gegebenes Signal auch unter veränderten Randbedingungen gilt.

 

Für uns Menschen ist Generalisation einfach, für Tiere deutlich schwerer. Wenn wir z.B. einmal verstanden haben, dass "grün" nicht nur eine Farbvariante beschreibt, sondern ein Spektrum von hell- bis dunkelgrün oder das Baum nicht nur einen Apfelbaum, sondern auch eine Eiche, Tanne oder einen Mammutbaum beschreiben kann, bleibt uns dieses Konzept ein Leben lang erhalten.

 

Eine rote Ampel heisst IMMER anhalten. Nicht nur, an dieser Kreuzung oder bei regnerischem Wetter oder morgens um 7.00 Uhr, sondern immer. Tiere unterscheiden durchaus in den oben angedeuteten Kategorien, setzen ein Signal oder ein Verhalten in Kontext mit anderen, gleichzeitig auftretenden Parametern. Und fehlt dann einer oder mehrere der Parameter, die beim Erlernen des Verhaltens vorhanden waren, muss erst ein Generalisationsprozess stattfinden, damit die veränderten Parameter integriert werden können.

 

Tiere sind Meister im Erkennen von Routine und wiederkehrenden Abläufen. Gerade für Weidetiere ist das unheimlich wichtig. Denn ein grosser Stein, der heute anders liegt als gestern, kann heute einen Beutegreifer verbergen. Ein Adler, der nicht gleitet, sondern die Flügel zum Sturzflug senkt, ist eine potentielle Gefahr. Jedoch auf jeden Adler, der vorbei fliegt, sofort mit Flucht zu reagieren (das wäre eine generalisierte Reaktion) würde viel zu viel Energie vergeuden.

 

Für das Training bedeutet das, dass man, wenn ein Tier ein ihm bekanntes Verhalten plötzlich nicht mehr oder nur zögernd zeigt, sich als erstes anschauen sollte, ob die Trainingsparameter noch die gleichen sind bzw. ob man schon genug an der Generalisierung des Verhaltens gearbeitet hat.

 

Veränderte Parameter liegen dann auch ein paar Wochen später vor, als die Ziegen für die Fahrt zur nächsten Weide verladen werden sollen. Aus entspannten Kontrollbesuchen wird auf einmal eine leicht hektische Situation, in der ich eine Ziege nach der anderen einfange und in den bereit stehenden Hänger bringe.

 

Auch diese Situation ist für Freddie mit unangenehmen Vorerfahrungen besetzt und er zieht sich erstmal auf eine sichere Distanz zurück. Das erlernte Verhalten, ein Handtarget zu berühren, ist also noch nicht stressfest genug, um jetzt auch noch gezeigt werden zu können. Bei den ersten Versuchen nahm er noch Futter, liess sich aber nicht berühren. Dann wurde es schnell schlechter und er hielt immer mehr Distanz.

 

Das wäre so eine Situation, in der ein Gegner der Belohnung mit Futterlob nun sagen würde "siehste, all' die Fütterei bringt nichts!" Und in diesem Moment hätte derjenige bedingt recht.

 

Denn die Situation "anfassen lassen, wenn Herdenmitglieder verladen werden" - die haben wir noch nicht trainiert. Es haben sich erneut Randbedingungen stark verändert und Freddie hat auf frühere Erfahrungen, wie er sich solchen Situationen entziehen konnte, zurück gegriffen.

 

Wie haben wir das gelöst?

 

Ich habe mir ganz viel  Zeit gelassen und mit einem hochwertigeren Verstärker und Ressourcenverteidigung gearbeitet. Mit den Taschen voll Kraftfutter habe ich erstmal alle verbleibenden Ziegen gefüttert und auch ein ziemliches Spektakel um das Futter gemacht. Freddie ist neugierig und ich weiß, dass er mich als eine (seine) Ressource betrachtet.

 

Es hat also nicht lange gedauert, bis auch er sich wieder genähert hat und füttern liess. Der nächste Schritt war ein kurzer Verstoß gegen kleinschrittig aufgebautes Training: ich habe ihm in's Nackenfell gegriffen und kurz festgehalten, damit ich ihm einen Strick um den Hals legen und das Halfter anziehen konnte. Mit vielen Handtargets kamen wir dann stressfrei zum und in den Hänger.

 

Diese Überrumpelungstaktik funktioniert meistens nur einmal, deswegen steht als nächstes das Aufhalftern und immer wieder einfangen/abholen lassen auf dem Trainingsplan.

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