Working Goats Blog

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Warum nun noch zusätzlich mit Futter belohnen?

 

Warum nicht? Futtersuche bzw. Futteraufnahme gehört zu den grundlegenden Bedürfnissen JEDES Lebewesens. Ohne Futter (und Wasser) kein Leben. Die Suche nach Futter füllt für Wildtiere den Grossteil des Tages, gerade für die Pflanzenfresser. Bei dieser Suche werden kleine Mengen Futter über einen langen Zeitraum hinweg aufgenommen.

 

Futterlob ist also nichts Künstliches. Was künstlich daran sein kann, ist die Art des Futters und hier sind wir als Menschen gefragt, die physiologischen Bedürfnisse unserer Partner zu beachten.

 

Aber ich bin bei Training mit positiver Verstärkung nicht auf Futterlob beschränkt. Clickertraining wird nur sehr oft vereinfacht auf diese Komponente runter reduziert. Wie bereits erwähnt, entscheidet der Lerner, was ein Verstärker für ein gezeigtes Verhalten ist.

 

Meine Hunde „arbeiten“ genau so gerne für Aufmerksamkeit, Kraulen als auch für Futterlob. Gerade köperlicher Kontakt (Kraulen, Kratzen, Streicheln) wird oft gerne als Verstärker akzeptiert. Auch Spiel kann ein Verstärker sein.

 

Futterlob ist in dieser Hinsicht „einfach“, weil Nahrung eben einen so hohen Stellenwert im Leben hat. Und, weil, abhängig vom Tier und der Tierart, die anderen möglichen Verstärker weniger effektiv sind (vor allem bei den Pflanzenfressern).

 

Werden Tiere vom Futterlob abhängig?

 

Diese Begründung gegen Belohnung mit Futter habe ich vor kurzem in einem Forum gelesen. Die Tiere würden vom Futter abhängig und wüssten ohne Futter dann nicht, was sie tun sollen.

 

Bedingt ist das richtig, trifft aber im Fall von gut aufgebautem Training mit positiver Verstärkung nicht zu. Futter ist die Konsequenz eines Verhaltens, nicht die Ursache.

 

Wie müssen wir uns das in der Praxis vorstellen?

Im reellen Leben empfindet ein Tier Hunger. Um den Hunger abzustellen, d.h. das Bedürfnis nach Nahrung zu befriedigen, muss das Tier ein Verhalten zeigen. Es muss sich zu einer Futterquelle begeben. Diese ist entweder in unmittelbarer Nähe oder weiter entfernt. Auf jeden Fall muss das Tier sich in Bewegung setzen - Verhalten Nr. 1. Dann muss es in passender Entfernung vor der Nahrungsquelle stehen bleiben - Verhalten Nr. 2. Das Futter untersuchen, ob es das Bedürfnis nach Nahrung erfüllt - Verhalten Nr. 3. Das Futter aufnehmen und kauen - Verhalten Nr. 4.

 

Die Konsequenz aus diesen einzelnen Verhalten, die wir meistens als eine Verhaltenskette erleben (von in Bewegung setzen bis zur Aufnahme), ist die Erfüllung des Bedürfnisses der Nahrungsaufnahme = der Hunger wird gestillt.

 

Macht dies das Tier abhängig von Futter? Ja, denn ohne Futter würde es verhungern.

 

Was passiert, wenn nun anderes Verhalten in die oben beschriebene Kette integriert wird? z.B. muss das Tier sich evtl. auf die Hinterbeine stellen (im Fall einer Ziege), um an Blätter eines hochgewachsenen Busches zu kommen. Oder mit den Vorderbeinen nach dem Ast angeln. Oder mit den Hörnern einen jungen Stamm entrinden, weil das Körperbedürfnis nicht mit Blättern, sondern mit Inhaltsstoffen aus Rinde befriedigt werden muss.

 

Wir sehen, dass die Ziegen schon für eine simple Futteraufnahme mehr als ein Verhalten im Repertoire haben müssen und abwägen können müssen, welches Verhalten für die Erfüllung des Bedürfnisses die höchste Aussicht auf Erfolg hat. Befindet sich die Futterquelle in einiger Entfernung, müssen noch weitere Verhalten gezeigt werden, wie z.B. Abwägen über die beste Route, Vermeidung von Gefahrenquellen, Erkennen von Landmarken.

 

Dieses Lernen und Abwägen können macht man sich bei Training mit positiver Verstärkung und Einsatz von Futter als Verstärker zunutze. Und hier kommt ein gut durchdachter Trainingsaufbau und das Markersignal (der Clicker) und später die Signalkontrolle zum Tragen.

Ein durchdachter Trainingsaufbau vermeidet Frustration und Unsicherheit beim Lerner. Wir bauen die Trainingssituation so auf, dass der Lerner IMMER Erfolg hat.

 

Das Markersignal (der Click) kommuniziert punktgenau an den Lerner: "DAS, was Du gerade getan hast, ist das Verhalten, das zu einer Belohnung mit Futter führen wird!" Es ist eine klare Information darüber, welches Verhalten auch in Zukunft Erfolg haben wird.

Signalkontrolle ist dann der Feinschliff. Sobald das Verhalten zuverlässig gezeigt wird, wird das Verhalten mit einem Signal (nicht einem Kommando) verknüpft. Das Signal liefert weitere Informationen an den Lerner, welches Verhalten im Moment die grössten Chancen auf Erfolg = eine Belohnung haben wird.

 

Signale sind vielfältig, sie können aus der Umwelt kommen (bestimmtes Verhalten ist nur an bestimmten Orten erfolgreich) oder sich aus der Interaktion entwickeln.

 

Mal ein paar Beispiele:

Ein hochgewachsener Busch ist ein Signal für die Ziege, dass sie sich auf die Hinterbeine stellen muss, um an begehrte Blätter heran zu kommen.

Wenn wir mit unserem Auto vorfahren, ist das oft ein Signal, dass nun entweder soziale Interaktion oder Futter zur Verfügung stehen.

Eine ausgestreckte Hand kann ein Signal sein für Kraulen, Körperkontakt.

Eine verbale Äusserung, wie z.B. "Komm" ist ein Signal für verschiedene Dinge. Für Futter, für Sozialkontakt, für weiterreichende Interaktion, wie z.B. Spiel oder Training.

 

Zurück zur oben beschriebenen Aussage, dass Tiere von Futter abhängig werden können und ohne Futter nicht wissen, was sie tun sollen.

Dies ist dann korrekt, wenn Futterlob ohne einen Trainingsplan und ohne Signalkontrolle verwendet wird. Aber, wie so oft, ist nicht das Futter schuld am Versagen, sondern die fehlerhafte Ausführung durch den Trainer.

 

Warum soll ein Tier sich anstrengen, wenn es sowieso Futter bekommt?

 

Das ist ein weiteres Argument, das oft gegen Futterlob angeführt wird. Viele Menschen können es sich nicht vorstellen, dass ein Tier sich anstrengt/anstrengen will, wenn es das Futter doch auch "für umme" bekommen könnte.

 

Hierzu gibt es wieder interessante Studien, denn diese Frage hat auch schon Wissenschaftler und Verhaltensforscher beschäftigt. Das Phänomen nennt man das "contra freeloading"

 

Ein "freeloader" ist jemand, der auf Kosten anderer lebt. Ein Schmarotzer.

 

Aber interessanterweise bevorzugen es Tiere, sich für Futter anzustrengen. Futter "für umme" ist weniger attraktiv als Futter, für das etwas getan werden muss.

 

Warum? Erinnern wir uns an den Suche-Kreislauf. Zum Suche-Kreislauf gehört die SUCHE nach Futter. Aktivierung und Befriedigung des Suche-Kreislaufes führt zur Ausschüttung von zufrieden machendend Botenstoffen. Es ist also für Tiere befriedigender, sich für Futter anzustrengen, als einfach nur zur nächsten Raufe oder zum nächsten Futtereimer zu laufen. Deswegen gibt es mittlerweile so viele "Intelligenzspielzeuge für Hunde und Katzen" und bieten Zoos ihren Wildtieren raffinierte Futterstationen an. Überhaupt sollte uns die weitgefächerte Anwendung von positiv verstärktem Training mit Futterbestärkung in Zoos und Forschungsstationen mit WILDTIEREN doch zum Nachdenken anregen, warum wir im Bereich des Haustiertrainings so massiv an alten Trainingsdogmen festhalten.

 

Aber! Wenn ein Tier es nicht kennengelernt hat, dass man sich Futter verdienen kann und dass das ausknobeln, welches Verhalten Erfolg haben könnte, zu einer weiterreichenden Befriedigung anderer Bedürfnisse führt, sollte man sich als Trainer auf eine Umstellungsphase einstellen. Denn hier müssen neue Denkkonzepte aufgebaut und trainiert werden. Ein Tier, das noch nicht gelernt hat zu lernen, braucht eine gewisse "Anlaufzeit", bis sich sein Gehirn auf die veränderten Anforderungen eingestellt hat.

 

 

 

 

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