Working Goats

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Wann ist eine Ziege alt genug...

- um Lasten zu tragen?

- um eine Kutsche zu ziehen?

Gleich mal vorab, dies wird ein Beitrag werden, an dem sich die Geister scheiden (und ich stehe hier ein bisschen auf einer Kiste und predige wink ).

Viele Altersangaben im Umgang mit Nutztieren stammen entweder aus früheren Zeiten oder werden unter dem Gesichtspunkt möglichst früher Nutzung zur Kostenoptimierung gemacht.

Und, wie so oft, gibt es für die Nutzung von Ziegen (ausserhalb von Milch- und/oder Fleischproduktion) nur wenige wissenschaftlich fundierten Belege.

Ich bekam und bekomme immer wieder Anfragen von Einsteigern in die Arbeitsziegenwelt, wie man die eigene Ziege denn am  besten an "x" gewöhnen könne. Meistens geht es um's Satteln, Lasten tragen oder eine Kutsche oder Karren ziehen. Meist in Verbindung mit der Nennung des jetzigen Alters der Ziege, das leider in sehr vielen Fällen ein sehr junges Alter ist.

Es ist nicht selten, dass bereits für halbjährige oder einjährige Ziegen hiernach gefragt wird.

Meine Standardantwort hierauf ist immer: "Die Ziege ist noch zu jung dafür"

Aber wann ist eine Ziege denn alt genug?

Bzgl. Lasten tragen gibt es durchaus hitzige Diskussion auch in der Packziegenszene. Da gibt es die, die ihren gross und kräftig gewachsenen Jährlingen schon Hundepacktaschen auflegen und darauf bestehen, dass dies keinen Schaden anrichten könne. Und dann gibt es andere, die eine Beladung vor dem 4. Lebensjahr ablehnen.

Die gemäßigte Mitte "trifft" sich bei 2,5 bis 3 Jahren.

Nun kann man der Mehrheit unreflektiert folgen oder sich, mit anatomischen Fakten bewaffnet, eine eigene Meinung bilden.

Ziegen wachsen, bis sie vier oder fünf Jahre alt sind (manche unserer Ziegen haben sogar noch mit sechs Jahren einen leichten Wachstumsschub gemacht). D.h., vor diesem Alter existieren knorpelige Wachstumsfugen an ALLEN Knochen. Diese schliessen sich nicht auf einmal, sondern über den Verlauf des Wachstums.

Studien an verwilderten und domestizierten Ziegen sowie iberischen Steinböcken (einmal durchgeführt in 1974 und in 2004) zeigen, dass der Zeitpunkt, zu dem sich einzelne Epiphysenfugen schliessen, nicht nur von der Lokalisation der Epiphysenfuge abhängt, sondern auch vom Geschlecht, Hormonstatus und Herkunft.
 

- Lokalisation der Wachstumsfuge: Epiphysen, die höherem Druck durch Schwerkrafteinfluss unterworfen sind, schliessen sich früher. Diese sind z.B. am rumpfseitigen Ende des Unterarmes oder des Unterschenkels zu finden. Dadurch, dass sie beim Stehen oder Gehen durch die einwirkende Schwerkraft mehr Druck erfahren, reifen sie früher als Epiphysenfugen, die "nur" Zugkräften von ansetzenden Sehnen (z.B. an der Elle, am Fersenhöcker) standhalten müssen.

- Herkunft: in der Studie von 1974 wurden verwilderte und domestizierte Ziegen untersucht. Bei den verwilderten Ziegen schlossen sich die Wachstumsfugen im Durchschnitt ein Jahr später als bei den domestizierten Ziegen. Dies wurde zum einen mit der besseren Nährstoffversorgung erklärt, zum anderen damit, dass die verwilderten Bestände (auf der Insel Rhum in Schottland) von Ziegen abstammten, die dort im Mittelalter gehalten wurden und die seither keine Selektion auf frühere Reife erfahren hatten.

- Geschlecht und Hormonstatus: die Epiphysenfugen kastrierter Böcke schlossen sich teilweise vier (!) Jahre später als die von weiblichen Tieren. Es wurde ein Bock untersucht, bei dem im Alter von neun (!) Jahren noch die Wachstumsfugen der Elle, Oberschenkels und Schienbeins im Röntgenbild zu sehen waren.

Studien an Iberischen Steinböcken (2004) ergaben, dass sich Wachstumsfugen am Oberarm und Unterschenkel erst im Alter von 11 bis 12 Jahren schliessen, an Oberschenkel, Elle und Speiche zwischen 5 und 7 Jahren.

Von Studien an Pferden weiß man, dass sich die Wachstumsfugen an den Wirbeln der Brustwirbelsäule und einiger Wirbel der Halswirbelsäule erst mit 6-8 Jahren schliessen (weit nach den Epiphysenfugen der Beine). Wenn wir diese Information auch für Ziegen zugrunde legen, müssen wir davon ausgehen, dass die Wirbelepiphysen bis mindestens dem 5. oder 6. Lebensjahr noch nicht geschlossen sind.

Sehr überrascht und auch etwas besorgt hat mich der Befund an dem kastrierten Ziegenbock, der noch im Alter von 9 Jahren offene Wachstumsfugen hatte. Dies würde mit dem Weiterwachsen von Ochsen korrelieren, die aufgrund der Kastration auch immer grösser und schwerer werden.

Leider konnte ich keine Angaben zum Kastrationsalter dieses Bockes finden. Testosteron ist auf jeden Fall auch verantwortlich für das Schliessen der Wachstumsfugen (belegt von Wallachen vs. Hengste; Ochsen vs. Stiere), so dass eine späte Kastration sich nicht nur auf eine bessere Ausbildung der Harnröhre sondern auch gesündere Knochen auswirken würde.

Die Wissenschaft unterstützt also ein längeres "wachsen lassen".

Warum werden dann jüngere Tiere "in Arbeit" genommen?
 

- leichteres handling: gerade bei Pferden war es zu Zeiten, als es noch um "einbrechen" und nicht um ausbilden ging, leichter, sich mit einem ein- oder zweijährigen Pferd körperlich auseinander zu setzen, als mit einem Vierjährigen.
 

- Ungeduld/Kosten: wo die Arbeitskraft von Tieren dringend benötigt wurde, konnte oft eine Wartezeit von mehreren Jahren nicht eingehalten werden. Auch heutzutage ist der Kostenfaktor einer mehrjährigen Aufzucht nicht zu unterschätzen.
 

- "schon immer so gewesen": wo genug Ersatztiere zur Verfügung stehen/standen, war es nicht relevant, ein einzelnes Tier möglichst lang gesund und leistungsfähig zu erhalten. Wenn sich Verschleisserscheinungen zeigten, wurde geschlachtet und ein anderes Tier zur Arbeit herangezogen.
 

- Unwissenheit: wer noch nicht erlebt hat (weil er Einsteiger ist), wie lange Tiere wachsen und welche Veränderungen sie hierbei durchlaufen, kann sich von einem momentan harmonisch (gross gewachsenen) Jährling dazu verführen lassen, dieses Tier zu früh zu belasten.
 

OK, bis hierher ging es um's Lasten aufladen.


Wie sieht es denn mit Zugarbeit aus?

Traditionell - schauen wir wieder mal bei den Pferden - begann man die Ausbildung eines Pferdes mit der Zugausbildung im ZWEISPÄNNER! D.h. diesem jungen Tier wurde nicht nur ein erfahrener Gespannpartner dazugestellt, um seine Unerfahrenheit auszugleichen, sondern auch, um ihm die Arbeit zu erleichtern.

Dies machte man mit Dreijährigen, die gingen dann ca. ein Jahr vor der Kutsche und wurden dann vier- bis fünfjährig angeritten. Durch die Zugarbeit hatten sie bereits Umwelterfahrungen gesammelt und Muskeln aufgebaut.

Also könnte man auch mit jüngeren Ziegen Zugarbeit machen?

Jein! Nochmal oben nachlesen, die jungen Pferde gingen im Zweispänner. Man braucht also eine gut ziehende, ältere Ziege als Partner. Und auch diese Arbeit sollte meiner Meinung nach nicht vor dem vollendeten zweiten Lebensjahr beginnen.

Warum? Weil oben genannte Studien auch ergeben haben, dass sich die Wachstumsfugen, die durch Zugarbeit belastet werden (das ist das Schulter/Oberarmgelenk und das Knie- und Sprunggelenk) erst zwischen dem 2. und 4. Lebensjahr schliessen (die Wachstumsfugen am rumpfseitigen Ende von Oberarm bzw. Oberschenkel in Steinböcken sogar erst zwischen 11 und 12 Jahren), bei Kastraten ggfs. später.

Wir haben bei der Zugarbeit zwar so gut wie keine Belastung auf der Wirbelsäule (PASSENDE Ausrüstung und Kutsche vorausgesetzt!) aber erhöhte Belastung auf den Gelenken der Beine.

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