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  • Wann ist es „Zeit“ für eine alte Ziege, sie gehen zu lassen?

Vor einigen Wochen erhielt ich einen Anruf von einer Frau, die sich recht verzweifelt fragte, ob für eine alte Ziege mit gesundheitlichen Problemen die Zeit gekommen wäre, diese gehen zu lassen.

 

Abgesehen von dramatischen, akuten Entwicklungen, die ganz klar erkennen lassen, dass hier keine andere Hilfe mehr geleistet werden kann, ausser der Ziege einen qualvollen Tod zu ersparen, ist diese Entscheidung, wenn man alte Ziegen besitzt, selten einfach.

In den Jahren, in denen wir Ziegen haben, hatten wir ziemlich viele Varianten, was das Thema Einschläfern oder natürliche Todesursachen betrifft.

 

Wir haben junge Ziegen an Krebs verloren. Dieser verlief in allen Fällen unerkannt und wurde erst nach dem Tod durch pathologische Untersuchungen diagnostiziert. Die Symptome waren lange Zeit eher diffus und verschlimmerten sich dann über einen Verlauf von wenigen Tagen sehr dramatisch. Hier war die Entscheidung dann sehr klar.

 

Schwieriger wurde es, als aufgrund von Alter die langsamen, schleichenden Degenerationserscheinungen, die irgendwann zum Tode führen, häufiger wurden.

 

Ein altersbedingter Pansenstillstand (durch Atrophie des Nervenknotens, der die Pansenbewegungen steuert), ist anfänglich so schleichend, dass man diesen über Wochen übersehen kann, wenn man so einen Fall noch nicht gesehen hat.

 

Die Ziege frisst langsamer, zögerlicher, immer kleiner werdende Portionen, dann aber auch mal wieder eine normale Portion und man sucht die Ursache erst einmal bei den Zähnen, Wetterschwankungen oder anderen „Alterszipperlein“. Da man die Futteraufnahme durch Abwechslung im Futterangebot meistens noch eine Zeitlang immer wieder anregen kann, übersieht man die Ursache meistens noch einige Zeit.

 

Dies ist jedoch im Alter (und auch bei jungen Ziegen) ein meist nicht umkehrbarer Zustand (wenn, dann überhaupt nur bei jüngeren Tieren zu finden) und die Ziege wird schlussendlich bei lebendigem Leib und meistens nur gering eingeschränktem Allgemeinbefinden langsam verhungern.

 

Hier macht die Diagnose und die Tatsache, dass es ein sich verschlechternder Zustand ist, relativ deutlich, welche Entscheidung getroffen werden muss. Und es sollte im Sinne des Tieres sein, dass diese Entscheidung nicht erst getroffen wird, wenn die Ziege nur noch Haut und Knochen ist.

 

Schwieriger wird es bei Arthrosen, die „nur“ für Bewegungseinschränkungen und Schmerzen verantwortlich sind. Aber chronischer Schmerz ist Stress. Und Ziegen zeigen Schmerz nur, wenn dieser sehr deutlich ist.

 

Hier würde ich es immer vom Einzeltier abhängig machen. Wie wird es von anderen Herdenmitgliedern behandelt? Kann es der Herde noch folgen? Wie viel mehr Zeit im Lauf eines Tages liegt das Tier? Helfen Schmerzmittel (Kräuter, Homöopathie, Schulmedizin)?

 

Kniffliger werden Kombinationen aus behandelbaren Problemen in Kombination mit Organschwächen (hier meistens Niere und/oder Herz), wenn zur Behandlung eine Narkose oder Sedierung nötig ist.

 

Die Ziege ist eigentlich noch ganz gut drauf, aber z.B. eine Zahnbehandlung ist dringend nötig, weil sie ansonsten stark abbauen würde. Nur das alte Herz, das wird die Sedierung aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr verkraften.

 

Oder die Ziege ist geistig noch fit, liegt aber fest und/oder hat das Fressen eingestellt.

 

Eigentlich hatte ich diesen Blog-Beitrag mit der Absicht begonnen, eine zumindest ansatzweise hilfreiche Richtlinie für diese schwere Entscheidung formulieren zu können. Aber beim Schreiben wurde mir immer klarer, dass dies immer eine Entscheidung bleiben wird, die von jedem Einzelschicksal abhängig ist.


Denn aktuell lebt mit uns der nun 15jährige Brownie. Im späten Frühjahr war für mich „klar“, dass er nur noch ein paar Wochen mit guter Lebensqualität haben würde. Er fraß schlecht, zeigte deutliche Arthrosebeschwerden, wurde von der Herde gemobbt.

 

Mit dem Weideaustrieb blieb er zu Hause, er sollte noch ein paar „gute“ Wochen haben. Tja, aus den guten Wochen sind nun Monate geworden. Er hat sauber abgehaart, das Sommerfell ist glatt und dicht, er bewegt sich besser in den warmen Temperaturen und frisst, wenn auch langsam, deutlich besser als im Frühjahr. Ein Wechsel aus frischen Blättern, Kraftfutter, Gras- und Maiscobs erhält seinen Appetit. Er begrüsst mich, geniesst seine Krauleinheiten und ist im Tagesverlauf auch immer mal aktiv unterwegs, auch wenn seine Ruhephasen länger erscheinen, als bei den jüngeren Ziegen. Andererseits verbringen diese im Moment auch gut und gerne 80% des Tages ruhend im Schatten und warten ein abklingen von Hitze und Insektenbelästigung ab.

 

Auf der anderen Seite mussten wir eine deutlich jüngere Ziege im Frühjahr einschläfern lassen, weil sich bei ihr das oben beschriebene Pansenversagen zeigte.

 

Was im Endeffekt nur beweist, dass es kein klares „wenn, dann“ gibt. Nicht, wenn die Ziegen in unserer Obhut leben. Wildtiere würden einer sehr klareren und unbarmherzigeren Selektion unterliegen. Brownie wäre schon längst von einem Beutegreifer gefressen worden.

 

Aber er lebt nicht wild, er hat den „Luxus“ eines Lebensabends. Wirtschaftlichkeit, das ist ganz klar, ist kein Argument in solch einem Fall.

 

Wichtig bleibt, meiner Meinung, jedoch, dass man immer wieder mal überprüft oder durch einen Tierarzt, etc. prüfen lässt, ob die Lebensqualität des Tieres noch in Ordnung ist. Bei anstehenden Behandlungen klar abwägt, was an Belastungen für das Tier und die eigenen Finanzen einem Nutzen gegenüberstehen. Wie sicher dieser Nutzen sein wird oder ob es sich nur um ein Aufschieben oder sogar Leidensverlängerung handeln würde.

 

Und, auch das ist wichtig, ob man sich selbst mit der Pflege und Betreuung des Seniors aufreibt und im "festhalten um jeden Preis" gefangen ist.

 

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