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Brauchen Ziegen eine Decke?

Meine Antwort wäre: kommt darauf an.

Darauf, wo sie leben; wie alt sie sind; wie ihr Futterzustand ist; wie ihr Fell aussieht; wie das aktuelle Wetter ist im Vergleich zum Wetter, an das sich die Ziege angepasst hat.

Ziegen, daran lässt sich nicht rütteln, sind deutlich wetterempfindlicher als Schafe oder Pferde. Sie sind nicht ganz so empfindlich auf Regen wie Esel, aber feuchtes Wetter ist nicht ihr Ding.

Über die Jahre konnte ich bei unseren Ziegen feststellen, dass sie durch die Monate in der Landschaftspflege mit nur Gebüsch als Wetterschutz ein bedingt regendichtes Fell entwickeln können.

Das heisst aber nicht, dass sie sich bei Regenwetter wohl fühlen, denn, sobald ihnen ein Unterstand zur Verfügung steht, nutzen sie diesen.

Ziegen in Weidehaltung einzudecken, macht keinen Sinn - da sind wir uns hoffentlich alle einig.

Aber Ziegen einzudecken, die keinen effektiven Schutz vor Wetter haben oder anfälliger gegen Nässe und/oder Kälte sind, macht nicht nur Sinn sondern entspricht guter Tierhaltung.

Also Ziegen, die

  1. alt sind und ihr Gewicht schlecht halten können - die Decke verhindert unnötigen Kalorienverbrauch in kaltem Wetter
     
  2. untergewichtig sind und zunehmen müssen - s. oben
     
  3. alt sind und Arthrose haben - die Decke schützt vor Auskühlung und dadurch schlechterer Durchblutung
     
  4. krank sind, ganz besonders bei akuten Pansenbeschwerden - ein nicht arbeitender Pansen reduziert die Körpertemperatur. Eine Decke kann zum einen gegen Auskühlung schützen und zum anderen die Pansenaktivität positiv beeinflussen
     
  5. die kein ausreichend dichtes Fell haben, z.B. nach Parasitenbefall oder langem Stallaufenthalt oder plötzlichem Wechsel von gemässigten in kältere Regionen (man lebt z.B. in der Rheinebene und fährt mit seinen Ziegen für eine längere Wanderung in ein Mittel- oder Hochgebirge mit deutlich kälterem und rauherem Wetter)
     
  6. die nicht selbstständig einen Witterungsschutz aufsuchen können - das sind Ziegen auf Wandertouren, wenn das Wetter umschlägt und sie durch z.B. eine Highline oder Nachtpferch eingeschränkt sind und man keinen anderen Witterungsschutz aufbauen kann

Punkt 5 möchte ich noch einmal gesondert aufgreifen, denn vor Jahren ging durch die packgoat mailingliste der herzzerreissende Bericht einer Familie, die mit einer Gruppe Ziegen, ziemlich unvorbereitet, eine Wanderung in einem der amerikanischen Mittelgebirge (ich kann mich nicht mehr erinnern, wo) machte und auf dem Heimweg von Schnee überrascht wurde. Die Wanderung war im Sommer oder Frühherbst und niemand war ausreichend gekleidet und man hatte weder Zelte noch Schutzkleidung noch sonstige Ausrüstung für eine Übernachtung dabei.

Nicht nur die Ziegen, auch die Menschen waren in ernsthafter Gefahr, an Unterkühlung zu sterben.

Ja, Ziegen können an Unterkühlung sterben!

Und das ist, was schlussendlich auch passiert ist. Die Ziegen weigerten sich irgendwann, weiter zu gehen. Sie waren durchnässt (Sommerfell) und unterkühlt und legten sich hin. Auch ein oder zwei Personen waren kurz vor Unterkühlung und es blieb in diesem Moment keine andere Wahl, als die Ziegen auf dem Berg zurück zu lassen.

Ich will hier kein Urteil abgeben, niemand war in dieser Situation, als diese Entscheidung getroffen werden musste. Und hier im engen Deutschland sind wir in den meisten Fällen nicht so weit von Hilfe entfernt, dass wir diese Entscheidung treffen müssten. Aber ich finde, als Ziegenhalter sollten wir im Hinterkopf behalten, dass unsere Packpartner nicht so robust sind, wie sie uns machmal glauben machen.

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