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Ich bin hungrig - I'm hungry!

Mit diesen Worten beginnt Alexandra Kurland den Blogbeitrag zum Tag 4 ihrer Goat Diaries (Ziegentagebücher, ein fortlaufender Erfahrungsbericht über Clickertraining von Ziegen) und wirft damit wichtige Fragen für Clickertrainer auf.

Goat Diaries Day 4 - I'm hungry

Sie stellt die provokante Frage, ob man wirklich ein positiver Trainer ist! Sind wir ein positiver Trainer, weil wir Futter im Training verwenden? Hat unser tierischer Trainingspartner die gleiche, positive Erfahrung? Oder zwingt ihn Hunger und das Verlangen nach Futter in Trainingssituationen, die ihm dennoch Angst machen?

Das habe ich schon ganz kurz in "Futterbelohnung - schlechter Trainer" angerissen und interessanterweise greift Alexandra Kurland nur wenige Tage später das Thema ebenfalls auf.

Nach ihren provokanten Fragen beschreibt sie ihre Trainingserfahrungen mit zwei Jährlingsziegenböcken (Pelias und Elyan) an einem Tag, an dem Pelian zu Trainingsbeginn hungrig ist.

Das Training verlief erwartungsgemäß nicht gut, Pelian ("P") war unkonzentriert bzw. viel zu stark konzentriert auf das Futter und sie tat das einzige Richtige in solch einer Situation: sie beendete das Training und legte zusätzliches Futter vor.

Mir fiel diese Korrelation zwischen Hunger und Trainingserfolg bzw. Trainierbarkeit zuerst bei den Ponies auf. Der rangniedrigste Wallach, der zum damaligen Zeitpunkt oft vom Futter verdrängt wurde, benötigte, um konzentriert mitarbeiten zu können, ca. 10 Minuten ungestörtes Fressen, bevor er nicht mehr mit gierig aufgerissenem Maul nach der Belohnung auf meiner Hand schnappte (auch hier, wieder kein Fehlverhalten, sondern schlichtweg Hunger).

Bei den Ziegen fiel mir dieses Verhalten seltener auf, weil diese, im Gegensatz zu den Ponies, die damals in einem Pensionsstall mit festen Fütterungs- (und somit auch "Hunger"zeiten) standen, durch die Raufen bzw. Weidehaltung eigentlich immer ausreichend Futter zur Verfügung hatten.

Als ich mich jedoch heute morgen daran machte, den Text zu diesem sehr interessanten und wichtigen Blog von Alexandra Kurland zu verfassen, fielen mir Parallelen zum Packtraining ein, die ich bislang als normal und unvermeidlich betrachtet hatte (was wieder beweisst, dass die menschliche Auffassung oft fehlerhaft sein kann).

Bevor ich meine Überlegungen niederlege, eine kurze Wiederholung zum Fressverhalten von Ziegen:

- als Wiederkäuer fressen sie in relativ kurzer Zeit (meine Erfahrungen bestätigen hier einen Zeitraum von 1 bis 1 1/2 Stunden pro "Mahlzeit", Ziegenpacker aus USA sprechen von 3 Stunden pro Tag reine Fresszeit) eine grosse Menge Futter, ohne  dies gründlich durchzukauen.

- als Wiederkäuer legen sie sich ca. 10-15 Minuten nach Beendigung der Nahrungsaufnahme nieder, um über mehrere Stunden die aufgenommene Mahlzeit gründlich wiederzukäuen

- als Ziegen fressen sie selektiv und haben eine sehr breit gefächerte Auswahl an akzeptablen Futterpflanzen

- als Ziegen bevorzugen sie Blätter, Buschwerk, Rinde und junge Äste und finden Gras weniger akzeptabel. Demzufolge ist Heu zwar eine Nahrungsquelle, entspricht aber nicht zu 100% dem natürlich bevorzugten Futter.

Nun zu den "Unvermeidlichkeiten" beim Packtraining:

Einer der Haupttrainingspunkte ist, die Ziegen dazu zu bewegen, nicht zum Wegrand und zu dort wachsenden (Futter)pflanzen hinzu ziehen oder hinzu rennen und dann zu fressen, anstelle mit uns mitzugehen.

Meine Lösung hierzu war (und ich habe das auch so weiterempfohlen), weiterzugehen und ggfs. die  Ziegen durch einen Helfer oder einen ausgebildeten Hütehund nachtreiben zu lassen.

Die Lösung funktioniert, mehr oder weniger. Abhängig von Jahreszeit, Futterangebot und Tageszeit fallen die Ziegen nach längerer oder kürzerer Zeit dann in den "Wandermodus" - was ich heute und rückblickend als "wir sind einigermassen satt und können jetzt mit Dir mitgehen" interpretieren würde.

Gefallen hat mir dieses Bitten und Betteln, teilweise zwingen (durch Führstrick oder Hund, der hinterher getrieben hat) und die deutlich erkennbare Lustlosigkeit der Ziegen an manchen Tagen noch nie, aber ich akzeptierte dies als "Notwendigkeit" des Packtrainings.

Was (und das muss ich auch erst testen, das sind nur Theorien bis hierher), wenn wir zu Beginn einer Packtour, eines Packtrainings - sofern die örtlichen Gegebenheiten es zulassen - unseren Ziegen die Zeit geben, ihr Bedürfnis nach frischer, selbst ausgewählter Nahrung zu erfüllen? Wenn wir, sofern möglich, auf diesen ersten Kilometern wirklich einfach nur schlendern, die Ziegen das Tempo bestimmen lassen? Schliesslich haben wir uns u.a. ja auch zum Ziegenpacken entschieden, um Entspannung in der Natur und im Zusammensein mit Tieren zu finden, uns zu "entschleunigen", wie es Neudeutsch so schön heisst?

Ich stellte zumindest letztes Jahr fest, dass ich die "Fress-Spaziergänge", wo wir wirklich mehr oder weniger gemütlich schlendern, die Ziegen immer wieder mal kurz anhalten (dürfen), um am Wegrand zu naschen, sehr geniesse. Und nach ca. 20 Minuten werden dann auch längere Abschnitte mit höherem Tempo möglich, die Ziegen folgen williger. Es ist ja trotzdem möglich, zu satteln und Last aufzuladen.

Ich wollte eigentlich nur zwei kurze Videoausschnitte gegenüberstellen, wie sich Fress-Spaziergänge von Trainingsspaziergängen unterscheiden können. Beim Anschauen der teilweise Jahre alten Videos ist mir jedoch noch viel mehr aufgefallen, als mein Unbehagen. Nämlich auch deutliche Stressanzeichen bei mindestens einer der jeweils mitlaufenden Ziegen und eine für's Packen wichtige Konsequenz, die mir auch erst heute wirklich bewusst wurde.

Ich weise zwar auch im Video kurz darauf hin, aber möchte es nochmal besser erläutern:

Wenn ich die Ziegengruppe vor die Wahl stelle, entweder fressen zu können oder mir - als Hauptsozialpartner in diesem Moment - zu folgen (bzw. Ziegen dabei habe, die mir ohne wenn und aber folgen) werden in der Gruppe auch Tiere dabei sein, die in diesem Moment die Entscheidung treffen müssen zwischen Hunger stillen oder der Gruppe folgen und somit sicher zu sein (vor Raubtierangriffen). Dieser Konflikt wird sich in kurzen Fress-Einlagen und dann Aufgaloppieren zur Gruppe zeigen.

Somit laufen diese Ziegen (im Video einmal Cisco und auch Oliver) Gefahr, deutlich früher als die anderen Ziegen, die entweder satter sind (weil sie ranghöher sind und ihnen schon im Stall das beste/meiste Futter zur Verfügung stand) oder deren Bedürfnis mir zu folgen, den Hunger überschattet und die sich deswegen näher an mir halten, sich zu erschöpfen und zu überhitzen (durch das aufgaloppieren). Lasse ich das zu, schränke ich als Verantwortlicher das Wohlbefinden einiger Ziegen (und die mögliche Streckenlänge) massiv ein.

Ich habe einen kurzen Ausschnitt von einem Trainingsspaziergang in 2011 mit eingefügt, der Oliver bereits hechelnd zeigt. Die zurückgelegte Strecke betrug zum Zeitpunkt der Aufnahme etwas mehr als einen Kilometer.

Hungrig vs satt

 

Einfach mal ausprobieren, was sich verändert, wenn wir den Packziegen etwas mehr Zeit erlauben, nicht mehr hungrig zu sein.

 

 

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