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Positiv/negativ - was denn nun?

 

Im Tiertraining werden ganz oft zwei Begriffe durcheinander geworfen und mit emotionalen „Ettiketten“ versehen:

 

Die positive und negative Verstärkung und die positive und negative Strafe. Warum diese Konzepte so kompliziert klingen, liegt daran, dass sie aus dem un-emotionalen Studium des Lernverhaltens stammen und dann erst in das Training durch „Otto-Normal-Verbraucher“ übernommen wurden.

 

Positiv und negativ haben daher NICHTS mit emotionalen Zuständen oder Bewertungen zu tun sondern mit mathematischen Beschreibungen: positiv fügt etwas hinzu, negativ nimmt etwas weg.

 

Eine Verstärkung ist etwas, was zu einem vermehrten Auftreten von Verhalten führt. Eine Strafe ist etwas, was zu einer Verringerung von Verhalten führt.

Positive/negative Verstärkung:

 

Um ein Verhalten zu beeinflussen, kann ich es positiv oder negativ verstärken. Verstärke ich positiv, füge ich etwas hinzu = Lob (Futter, verbales Lob, Kraulen, Spiel, etc.), NACHDEM das gewünschte Verhalten gezeigt wurde.

Verstärke ich negativ, nehme ich etwas weg, SOBALD das gewünschte Verhalten gezeigt wird = Druck, einen unangenehmen Reiz, Schmerz, psychische oder physische Bedrohung.

 

Das klingt noch recht einfach, wird dann aber in der Folge oft missverstanden, wenn es um die Strafen geht.

 

Positive/negative Strafe:

 

Eine positive Strafe fügt – wieder – etwas hinzu. Dieses Mal aber kein Lob, sondern Schmerz, Druck, Einschüchterung. Das klassische Beispiel einer positiven Strafe ist der Klapps auf den Hintern oder im Extrem, die Prügel.

 

Eine negative Strafe nimmt etwas weg. Nicht Druck, sondern etwas, was man haben möchte, wie Aufmerksamkeit oder eine geschätzte Tätigkeit. Stubenarrest, Fernseh-Verbot, Ausgangssperre sind Beispiele für negative Strafen.

 

In beiden Fällen FOLGT die Strafe dem Verhalten.

 

Die Erforschung des Lernverhaltens hat gezeigt, dass eine Verhaltensmodifikation über Verstärkung (sei diese nun positiv oder negativ) bessere Resultate zeigt, als Modifikation mittels Strafe. Um eine effektive Verhaltensmodifikation mittels Strafe zu erhalten, muss die Strafmaßnahme so eindeutig und deutlich sein, dass das unerwünschte Verhalten danach NIE WIEDER gezeigt wird.

 

Leichtere, indifferenziertere Strafmaßnahmen führen zu einer Anpassung, einem Gewöhnungseffekt, einem Meideverhalten.

 

Jeder von uns kennt das. Wann hat uns eine Strafe der Eltern wirklich nachhaltig und andauernd in unserem Verhalten beeinflusst? Wie viel Zeit haben wir nach einer Strafe damit verbracht, Pläne zu schmieden, um das sich für uns lohnende Verhalten trotz der erneuten Androhung von Strafe doch durchzuführen?

 

Unsere Gesellschaft ist auf den Prinzipien von Strafe und negativer Verstärkung aufgebaut. Warum? Weil diese drei Methoden für denjenigen, der eine Verhaltensänderung sehen will, die schnellsten Resultate zeigt und die gewählte Methode am intensivsten verstärkt.

 

Moment? Wir reden doch hier vom Training eines Tieres, oder? Warum kommt hier auf einmal der Trainer in’s Gespräch?

 

Weil auch der Trainer in jedem Moment des Trainings aufgrund des (vermeintlichen) Erfolges oder Misserfolges der gestellten Anfragen und der von ihr/ihm selbst gemachten Erfahrungen beeinflusst wird.

 

Mal ein Beispiel:

Ich besitze einen Hund. Dieser bellt, weil er aufgeregt ist. Ich will aber meine Ruhe haben und, nach ein paar gemäßigten Ermahnungen „sei leise“ schreie ich irgendwann genervt „GIB RUHE!!!!“

Der Hund wird, weil er entweder überrascht ist oder durch den Ausbruch kurzfristig eingeschüchtert wurde, zumindest für ein paar Sekunden aufhören, zu bellen.

Hat der Hund etwas gelernt? Vielleicht, mit hoher Wahrscheinlichkeit aber eher nicht.

Hat der Trainer etwas gelernt? Wenn ich laut genug schreie, folgen ein paar Sekunden „nicht bellen“.

Also werde ich als Trainer, denn auch ich bin „nur“ ein Säugetier, eher dazu neigen, in nachfolgenden Situationen, in denen der Hund bellt, sofort laut sagen „GIB RUHE!“ bzw. deutlich früher den Hund anschreien.

Das Anschreien war eine positive Strafe, ich habe psychischen Druck hinzugefügt. Ein Leinenruck, etwas nach dem Hund zu werfen, ihn zu packen und ihm die Schnauze zuzuhalten sind ebenfalls positive Strafen.

Das Zimmer zu verlassen und erst wieder zu kommen, wenn er aufgehört hat, zu bellen, das wäre negative Strafe = der Entzug von Aufmerksamkeit und Gesellschaft.

 

Wir selbst (und unsere Eltern und deren Eltern) haben eine Kindheit gefüllt mit negativer Verstärkung und negativer (manchmal auch positiver) Strafe verbracht. Dies hat unsere Denkweise und unser Lernverhalten geformt und macht es uns leichter, diese gefestigten Denkstrukturen immer weiter zu verfolgen.

 

Denn, das Umdenken auf positive Verstärkung erfordert über einen längeren Zeitraum einen enormen, mentalen, Aufwand, da im Gehirn des Trainers neue Strukturen, neue Verhaltensmuster geformt und gefestigt werden müssen.

 

Da Strafe (sowohl positive als auch negative) nur dann einen anhaltenden Effekt auf gezeigtes Verhalten hat, wenn sie so hart angewendet wird, dass man ihr in der heutigen Zeit den Namen Mißhandlung geben muss (wenn man es ehrlich betrachtet), bleibt einem tierfreundlichen Trainer nur der Weg über entweder positive oder negative Verstärkung.

 

Positive Verstärkung ist übrigens NICHT Bestechen mit Futter 😊

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